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RWE und Kawasaki starten in Lingen Europas größte Wasserstoffturbine: 34 Megawatt im Testbetrieb

RWE und Kawasaki starten in Lingen Europas größte Wasserstoffturbine: 34 Megawatt im Testbetrieb

RWE und Kawasaki starten in Lingen Europas größte Wasserstoffturbine: 34 Megawatt im Testbetrieb

In Lingen im Emsland ist am Freitag eine Anlage in Betrieb gegangen, die für die deutsche Energiewende eine wichtige Rolle spielen könnte. Der Energiekonzern RWE und der japanische Industriekonzern Kawasaki Heavy Industries haben auf dem Gelände des Gaskraftwerks Emsland eine Gasturbine gestartet, die mit Wasserstoff Strom erzeugen kann. Mit 34 Megawatt Leistung ist sie nach Angaben der beiden Unternehmen die größte voll wasserstofffähige Gasturbine Europas. In den kommenden Monaten soll sie zeigen, ob sich Wasserstoff im industriellen Maßstab verlässlich verstromen lässt.

Die Inbetriebnahme war ursprünglich schon für Mitte 2024 geplant gewesen. Dass die Turbine erst jetzt startet, gut zwei Jahre später, zeigt, wie anspruchsvoll die Technik ist. Flexible Gaskraftwerke gelten als ein Baustein, um die Lücken zu schließen, die entstehen, wenn Wind und Sonne wenig Strom liefern.

Was in Lingen passiert ist

RWE und Kawasaki haben die Turbine am Freitag, dem 6. November 2026, offiziell in Betrieb genommen. Sie steht auf dem Gelände des Gaskraftwerks Emsland in Lingen in Niedersachsen. Das Kraftwerk gehört zu den größeren Gaskraftwerken in Deutschland, seine drei Blöcke leisten zusammen rund 1,8 Gigawatt. Die neue Turbine ist dagegen mit 34 Megawatt vergleichsweise klein. Trotzdem ist sie für die Betreiber ein Meilenstein, weil sie nach ihren Angaben erstmals im industriellen Maßstab Wasserstoff verstromen wird.

Die Anlage kann mit Erdgas laufen, mit Wasserstoff und mit jedem Mischungsverhältnis aus beiden Brennstoffen. Genau diese Flexibilität wollen RWE und Kawasaki in den kommenden Monaten erproben. Geplant ist, die Verstromung von bis zu 100 Prozent Wasserstoff über mehrere Monate zu testen. Dabei sollen unterschiedliche Betriebsweisen und Lastzustände durchgespielt werden, wie sie in einem Stromsystem vorkommen, das stark von Wind und Sonne geprägt ist.

RWE-Generation-Chef Nikolaus Valerius sagte zur Inbetriebnahme, dass die Turbine mit Wasserstoff, Erdgas und jedem beliebigen Mischungsverhältnis betrieben werden könne. Kawasaki will in Lingen den Einsatz modernster Gasturbinentechnik mit Wasserstoff im großtechnischen Maßstab erproben. Die Technik war zuvor in kleineren Anlagen getestet worden und wird in Lingen erstmals auf die Leistungsklasse von 34 Megawatt übertragen.

Warum die Turbine für das Stromnetz wichtig ist

Der deutsche Strommix verändert sich rasant. Windräder und Solaranlagen liefern inzwischen an vielen Tagen einen großen Teil des Stroms, doch ihr Ertrag schwankt mit dem Wetter. An windstillen und wolkigen Tagen, in der Branche oft als Dunkelflaute bezeichnet, braucht das Netz andere Quellen, die schnell anspringen können. Gaskraftwerke sind dafür bisher die erste Wahl, weil sie ihre Leistung innerhalb kurzer Zeit hoch- und herunterfahren können.

Wasserstoff soll diese Rolle künftig klimafreundlicher machen. Wird er mit Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, entsteht bei seiner Verbrennung kein Kohlendioxid. Die Herausforderung liegt in der Technik: Wasserstoff brennt deutlich schneller und heißer als Erdgas, was hohe Anforderungen an Brenner, Materialien und Steuerung stellt. Genau deshalb ist der Test in Lingen mehr als ein symbolischer Schritt. Er soll Betriebserfahrung liefern, die für den Bau größerer Anlagen gebraucht wird.

Die Bundesregierung setzt bei der Absicherung des Stromsystems ebenfalls auf neue flexible Kraftwerke. Erst am Dienstag, dem 3. November, erhielt RWE bei einer Ausschreibung der Bundesnetzagentur Zuschläge für drei wasserstofffähige Gaskraftwerke mit 2,1 Gigawatt Gesamtleistung.

Wo der Wasserstoff herkommt

Der Wasserstoff für den Testbetrieb wird direkt vor Ort erzeugt. Neben der Turbine stehen die Elektrolyseure des Gemeinschaftsprojekts GET H2 Nukleus, an dem RWE beteiligt ist. Sie spalten Wasser mit Strom in Wasserstoff und Sauerstoff auf. Der erzeugte Wasserstoff wird während der Testphase als Brennstoff in die Turbine geleitet.

Das Projekt GET H2 Nukleus wird in Teilen von den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mitfinanziert. Nach Berichten soll die gesamte Anlage vom kommenden Jahr an 300 Megawatt produzieren. Damit wäre Lingen einer der größeren Wasserstoffstandorte in Deutschland. Auch die japanische Förderorganisation NEDO unterstützt das Vorhaben nach Angaben von Beteiligten.

Was der Test zeigen soll

Der Feldversuch in Lingen ist auf mehrere Monate angelegt. Die Partner wollen dabei nicht nur prüfen, ob die Turbine mit reinem Wasserstoff stabil läuft. Sie wollen auch lernen, wie sie sich bei wechselnden Lasten verhält und wie schnell sie auf Schwankungen im Netz reagieren kann. Diese Fragen lassen sich im Labor nur begrenzt beantworten. Erst der Betrieb unter realen Bedingungen zeigt, ob die Technik den Anforderungen eines flexiblen Kraftwerks gewachsen ist.

Kawasaki sieht in der Anlage zudem einen Schritt zu größeren Turbinen. Die 34-Megawatt-Klasse ist für ein Kraftwerk klein, doch die Brennkammertechnik soll sich nach Angaben des Unternehmens auf größere Leistungen übertragen lassen. Sollte der Test erfolgreich verlaufen, wäre das ein Argument für den Einsatz der Technik in den neuen Kraftwerken, die in Deutschland in den kommenden Jahren geplant sind.

Was noch offen ist

Trotz der positiven Meldung aus Lingen bleiben Fragen offen. Die Turbine ist eine einzelne Testanlage, und ein erfolgreicher Test über wenige Monate sagt noch nichts darüber aus, wie sich die Technik über Jahre im Dauerbetrieb verhält. Auch die Versorgung mit grünem Wasserstoff in ausreichender Menge ist noch nicht gesichert. Die Elektrolyseure in Lingen liefern Wasserstoff für den Test, doch für einen flächendeckenden Einsatz bräuchte es deutlich größere Mengen und ein ausgebautes Netz aus Pipelines und Speichern.

Kritiker weisen außerdem darauf hin, dass Wasserstoff zunächst dort eingesetzt werden sollte, wo es keine Alternative gibt, etwa in der Stahl- und Chemieindustrie. Für die Stromerzeugung sei der Umweg über Wasserstoff verlustreich. Befürworter entgegnen, dass flexible Kraftwerke gerade dann gebraucht werden, wenn Wind und Sonne ausfallen, und dass es dafür kaum eine andere klimafreundliche Option gibt.

Für Leserinnen und Leser in Deutschland ändert sich durch den Test in Lingen kurzfristig nichts an der Stromrechnung oder an der Versorgung. Langfristig aber könnte die Technik dazu beitragen, dass das Stromnetz auch dann stabil bleibt, wenn der Anteil von Wind und Sonne weiter steigt. Ob das gelingt, wird sich zeigen, wenn die Turbine ihre ersten Testläufe mit reinem Wasserstoff absolviert.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Wasserstoffturbine?

Eine Wasserstoffturbine ist eine Gasturbine, die Wasserstoff statt Erdgas oder zusätzlich zu Erdgas verbrennt, um Strom zu erzeugen. Die Anlage in Lingen kann mit Erdgas, Wasserstoff oder jedem Mischungsverhältnis aus beiden Brennstoffen laufen. Bei der Verbrennung von Wasserstoff entsteht kein Kohlendioxid.

Wie groß ist die Turbine in Lingen?

Die Turbine leistet 34 Megawatt und ist nach Angaben von RWE und Kawasaki die größte voll wasserstofffähige Gasturbine Europas. Sie steht auf dem Gelände des Gaskraftwerks Emsland in Lingen, dessen drei Blöcke zusammen rund 1,8 Gigawatt leisten. Der Testbetrieb mit bis zu 100 Prozent Wasserstoff läuft über mehrere Monate.

Woher kommt der Wasserstoff für den Test?

Der Wasserstoff wird direkt neben der Turbine in den Elektrolyseuren des Projekts GET H2 Nukleus erzeugt, an dem RWE beteiligt ist. Das Projekt wird in Teilen von den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen mitfinanziert und soll vom kommenden Jahr an 300 Megawatt produzieren.

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