Münchner Start-up VÆRIDION sichert sich über 124 Millionen Euro für sein Elektroflugzeug Microliner
Das Münchner Start-up VÆRIDION hat am 5. November 2026 eine Finanzierung bekannt gegeben, die in der deutschen Luftfahrt für Aufsehen sorgt. Das Unternehmen erhält 30 Millionen Euro frisches Risikokapital und wurde zusätzlich für eine Förderung von 94,5 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Europäischen Kommission ausgewählt. Zusammen fließen dem jungen Unternehmen damit mehr als 124 Millionen Euro zu. Das Geld soll den neun Sitzplätze zählenden Elektroflieger Microliner vom Prototyp bis zur Serienproduktion bringen.
VÆRIDION entwickelt ein batterieelektrisch angetriebenes Propellerflugzeug für den regionalen Flugverkehr. Es soll Strecken von bis zu 400 Kilometern bedienen und nach den Plänen des Unternehmens 2030 in den kommerziellen Dienst gehen. Nach Firmenangaben liegen bereits Kaufzusagen für mehr als 130 Maschinen vor, mit einem Gesamtwert von über 730 Millionen Euro. Erstkunde ist die ASL Group, ein Betreiber von Geschäftsflügen aus Belgien und den Niederlanden.
Was VÆRIDION genau plant
Der Microliner ist als Regionalflugzeug für kurze Strecken gedacht. Neun Passagiere finden an Bord Platz, und der Antrieb kommt vollständig ohne Kerosin aus. Das Unternehmen setzt auf einen batterieelektrischen Antrieb, der die Betriebskosten senken soll, weil der Treibstoff bei Regionalflugzeugen einen großen Kostenblock darstellt. Das Flugzeug soll außerdem Fracht transportieren können, was es für kleinere Flughäfen und abgelegene Regionen interessant macht.
Der Standort für Entwicklung und Produktion ist der Flughafen Oberpfaffenhofen bei München, ein Zentrum der deutschen Luftfahrtforschung. Dort hat VÆRIDION im März 2026 eine Produktions- und Testanlage eröffnet und seinen Elektromotor erstmals in Betrieb genommen. Die 30 Millionen Euro aus der Finanzierungsrunde sollen in den Bau eines zulassungsfähigen Prototyps und in weitere Antriebstests fließen. Die EU-Förderung ist für die Endmontage und den Aufbau der Serienproduktion in Oberpfaffenhofen vorgesehen.
Gegründet wurde VÆRIDION im Jahr 2021 von den beiden früheren Airbus-Managern Ivor van Dartel und Sebastian Seemann. Der Hauptsitz liegt in München. Bislang hat das Unternehmen nach eigenen Angaben rund 60 Millionen Euro an Kapital eingeworben, die neue EU-Förderung nicht eingerechnet. Bereits im Dezember 2024 hatte VÆRIDION eine Serie-A-Runde über 14 Millionen Euro abgeschlossen, die vom World Fund angeführt wurde.
Woher das Geld kommt
Die neue Finanzierungsrunde über 30 Millionen Euro wurde gemeinsam von den niederländischen Investoren SHIFT Invest und Invest-NL angeführt. Beteiligt waren außerdem die bestehenden Geldgeber World Fund, Project A und Vsquared Ventures. Es handelt sich um eine sogenannte Serie A2, also eine Aufstockung der bisherigen Finanzierungsrunde.
Die 94,5 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Europäischen Kommission sind eine Förderung, kein Kredit und kein Kauf von Unternehmensanteilen. Das Projekt trägt den Namen CAROLUS und wurde aus 358 Bewerbungen als eines von zwölf groß angelegten Projekten ausgewählt. VÆRIDION ist nach Angaben des Unternehmens das einzige deutsche Unternehmen und das einzige Luftfahrtprojekt in dieser Kategorie. Die Förderung steht allerdings noch unter dem Vorbehalt, dass die entsprechende Vereinbarung abgeschlossen wird, was für das Jahr 2027 erwartet wird.
Die Kombination aus privatem Kapital und öffentlicher Förderung ist für ein Hardware-Start-up in der Luftfahrt typisch. Die Entwicklung eines neuen Flugzeugs dauert Jahre, die Zulassung ist aufwendig, und private Investoren allein tragen dieses Risiko selten.
Was der Microliner können soll
Der Microliner ist für Strecken ausgelegt, auf denen heute kleine Turboprop-Maschinen fliegen oder auf denen Reisende lange Umwege über große Drehkreuze nehmen müssen. Eine Reichweite von bis zu 400 Kilometern deckt in Deutschland zum Beispiel Verbindungen wie München nach Berlin oder Hamburg nach Köln ab. Die genaue Reichweite im Linienbetrieb hängt von Zuladung, Wetter und Reserven ab, die in der Luftfahrt vorgeschrieben sind.
Das Flugzeug soll leiser sein als vergleichbare Maschinen mit Verbrennungsmotor und am Boden keine Abgase erzeugen. Ob der Microliner in der Praxis die versprochenen Ziele erreicht, wird sich erst zeigen, wenn ein zulassungsfähiger Prototyp fliegt.
Für Flughäfen und Regionen kann ein solches Flugzeug attraktiv sein, weil viele kleine Flugplätze in Deutschland und Europa heute kaum noch Linienverbindungen haben. Ein elektrisches Regionalflugzeug mit neun Sitzen passt zu dünn besetzten Strecken, auf denen größere Maschinen nicht wirtschaftlich fliegen können.
Wer schon bestellt hat
Nach Angaben von VÆRIDION liegen Kaufzusagen für mehr als 130 Flugzeuge vor. Diese Zusagen sind noch keine festen Kaufverträge im klassischen Sinn, sondern Absichtserklärungen und Vorbestellungen, wie sie in der Luftfahrtindustrie bei neuen Flugzeugtypen üblich sind. Ihr Gesamtwert liegt nach Firmenangaben bei über 730 Millionen Euro.
Als Erstkunde nennt das Unternehmen die ASL Group, einen Betreiber von Geschäftsflügen mit Aktivitäten in Belgien und den Niederlanden. Das ist ein nachvollziehbarer erster Abnehmer: Geschäftsflugbetreiber fliegen oft kurze Strecken mit wenigen Passagieren und sind an niedrigeren Betriebskosten interessiert.
Warum das Projekt trotzdem riskant bleibt
Die Geschichte der elektrischen Luftfahrt in Deutschland mahnt zur Vorsicht. Zwei prominente Start-ups sind bereits gescheitert. Das ebenfalls in München ansässige Unternehmen Lilium meldete zweimal Insolvenz an und gab danach endgültig auf. Das baden-württembergische Unternehmen Volocopter wurde nach einer Pleite an chinesische Investoren verkauft. Beide hatten große Pläne und viel Kapital eingesammelt, konnten aber kein zugelassenes Flugzeug auf den Markt bringen.
VÆRIDION geht einen anderen Weg als Lilium und Volocopter. Statt eines senkrecht startenden Flugtaxis baut das Unternehmen ein klassisches Propellerflugzeug mit Start und Landung auf einer Startbahn. Das ist technisch näher an bewährten Flugzeugtypen und könnte die Zulassung einfacher machen. Ein Risiko bleibt es trotzdem: Die Zulassung eines neuen Flugzeugtyps dauert Jahre, und jede Verzögerung kostet Geld.
Auch ein weiteres bayerisches Jungunternehmen arbeitet an elektrischen Flugzeugen. ERC System entwickelt ein Flugzeug mit Hybridmotor, das unter anderem für Krankentransporte gedacht ist.
Was das für den Regionalflug bedeutet
Wenn VÆRIDION seinen Zeitplan hält, könnte der Microliner ab 2030 auf kurzen Strecken fliegen. Für Reisende in Deutschland würde das neue Verbindungen bedeuten, die heute nur mit dem Auto, der Bahn oder über einen Umweg mit dem Flugzeug erreichbar sind.
Bis dahin stehen noch viele Schritte an: der Bau des zulassungsfähigen Prototyps, die Flugtests, die Zulassung durch die Behörden und der Aufbau der Serienproduktion in Oberpfaffenhofen. Die 124 Millionen Euro sind ein großer Schritt, aber in der Luftfahrt ist das kein Garant für den Erfolg.
Frequently Asked Questions
Was ist der VÆRIDION Microliner?
Der Microliner ist ein batterieelektrisch angetriebenes Propellerflugzeug mit neun Sitzplätzen für den regionalen Flugverkehr. Es soll Strecken von bis zu 400 Kilometern fliegen und nach den Plänen des Unternehmens ab 2030 kommerziell eingesetzt werden.
Wie viel Geld hat VÆRIDION erhalten?
Das Unternehmen hat 30 Millionen Euro in einer Finanzierungsrunde eingeworben und wurde für 94,5 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Europäischen Kommission ausgewählt. Zusammen sind das mehr als 124 Millionen Euro. Die EU-Förderung steht noch unter dem Vorbehalt des Abschlusses einer Vereinbarung, die für 2027 erwartet wird.
Wann soll der Microliner fliegen?
VÆRIDION peilt das Jahr 2030 für den kommerziellen Dienst an. Zuvor müssen ein zulassungsfähiger Prototyp gebaut, Flugtests absolviert und die Zulassung durch die Behörden erreicht werden.



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