Tensor und MTZ planen bis zu 500 autonome Taxis in Deutschland: Was die Absichtserklärung bedeutet
Bis zu 500 selbstfahrende Taxis sollen in deutschen Städten unterwegs sein. Das ist der Plan, den das US-Unternehmen Tensor Auto und das Münchner Taxi Zentrum (MTZ) am 27. Oktober 2026 in einer Absichtserklärung festgehalten haben. Die Fahrzeuge sollen unter der Marke von MTZ fahren, während Tensor die Technik und die Software liefert. Doch bis Fahrgäste tatsächlich ohne Fahrer einsteigen können, müssen noch Verträge geschlossen und Genehmigungen erteilt werden.
Die Ankündigung erfolgte beim Madrid Autonomous Mobility Summit. Dort standen MTZ-Geschäftsführer Gregor Beiner und Hugo Fozzati, Chief Business Officer bei Tensor, gemeinsam mit dem Tensor Robocar vor der Kamera. Die Botschaft der beiden Partner: Das Taxigewerbe soll beim autonomen Fahren nicht nur zusehen, sondern selbst den Betrieb in der Hand behalten.
Was genau wurde vereinbart?
Die Absichtserklärung, im Geschäftsleben oft LOI genannt, ist noch kein fester Vertrag. Sie beschreibt, was beide Seiten vorhaben: Tensor Robocars sollen als autonome Taxis in Deutschland eingesetzt werden, zunächst eine Flotte von bis zu 500 Fahrzeugen in deutschen Städten. Den Betrieb übernimmt MTZ, das nach Angaben der Unternehmen Münchens größtes Taxiunternehmen ist.
Über das erste Ziel hinaus denken die Partner größer. Innerhalb von 24 Monaten nach der Verfügbarkeit des Robocar in Europa sollen weitere 10.000 Robocars bei europäischen Betreibern eingesetzt werden. Außerdem prüfen beide Unternehmen den Verkauf von Robocars an Privatkäufer in Deutschland. Als potenziellen Markt nennen sie rund 50.000 Taxis in Deutschland und etwa 500.000 in ganz Europa.
Ein Modell, bei dem das Taxiunternehmen die Kontrolle behält
Der spannendste Punkt der Vereinbarung ist das Geschäftsmodell. Anders als bei manchen Robotaxi-Diensten, bei denen ein Tech-Konzern alles steuert, soll hier das Taxiunternehmen den Dienst betreiben. MTZ behält seine Kundenbeziehungen und seine Marke. Fahrgäste buchen wie bisher bei MTZ und fahren mit MTZ, nur eben in einem autonomen Fahrzeug.
Tensor verkauft das Robocar und stellt das autonome Fahren als wiederkehrendes Abonnement bereit. Das Unternehmen nennt dieses Angebot Autonomous Driving as a Service, kurz ADaaS. Dazu gehören die Software für autonomes Fahren, Werkzeuge zur Flottenverwaltung sowie laufender Service und Schulungen. Die Kontrolle über die Flotte, die Kunden und die Daten verbleibt laut Mitteilung beim Taxiunternehmen, und diese Kontrolle soll in Europa bleiben.
Das Robocar ist so konzipiert, dass es sich in die bestehenden Dispositionssysteme von MTZ integrieren lässt. In Abstimmung mit der jeweiligen Stadt entscheidet MTZ, wo, wann und wie die autonome Flotte eingesetzt wird. Die Finanzierung der Flotte soll über Finanzinstitute laufen, die mit Mobilitätsanbietern und Taxiunternehmen zusammenarbeiten.
Warum MTZ als Partner?
Tensor begründet die Wahl von MTZ mit mehreren Punkten: langjährige Beziehungen zu Aufsichtsbehörden, eine Zulassung für den kommerziellen Betrieb und mehr als 40 Jahre Betriebserfahrung in München. Beiner ist zudem Vorsitzender von Taxis 4 Smart Mobility (T4SM), einem Zusammenschluss von Taxiorganisationen aus sechs europäischen Ländern. Nach Darstellung der Unternehmen könnte dieses Netzwerk dasselbe betreibergeführte Modell übernehmen. Die Partnerschaft beginnt in Deutschland und soll bei Erreichen der Ziele auf ganz Europa ausgeweitet werden.
Für das Taxigewerbe ist das ein wichtiges Signal. Autonome Fahrzeuge werden oft als Bedrohung für klassische Taxiunternehmen gesehen. Hier lautet die Erzählung anders: Das Gewerbe selbst wird zum Betreiber der neuen Technik. Beiner sagte laut Mitteilung, das Taxigewerbe habe bei der Einführung nachhaltigen autonomen Fahrens in Europa eine führende Rolle zu spielen. Gleichzeitig betonte er, dass professionelle Fahrer in Situationen, in denen persönliche Unterstützung oder menschliches Einfühlungsvermögen gefragt seien, unverzichtbar blieben.
Was das Tensor Robocar können soll
Das Robocar wurde laut Tensor speziell für den autonomen Betrieb entwickelt und nicht aus einem bestehenden Auto umgerüstet. Es soll zudem die strengeren Standards erfüllen, die für Fahrzeuge zur privaten Nutzung gelten. Diesen doppelten Ansatz sieht Tensor als Vorteil für Betreiber und Fahrgäste im Taxidienst.
Zu den beschriebenen Funktionen gehören automatisierte Wartungsprüfungen und Sensoren, die sich selbst reinigen. Anschließend soll das Fahrzeug mit abgeschirmten Sensoren selbstständig parken, wodurch sich seine Standzeit im Depot verkürzt. Gesteuert wird das Robocar nach Angaben des Unternehmens von agentischer KI: Statt lediglich vorprogrammierte Regeln zu befolgen, ziehe sie Schlüsse aus der Umgebung, verstehe die Wünsche der Fahrgäste und setze sie um. Fahrgäste sollen sich in natürlicher Sprache mit dem Fahrzeug unterhalten können, etwa um die Route zu ändern, einen zusätzlichen Halt einzulegen oder Fragen zu beantworten.
Diese Beschreibungen stammen vom Hersteller. Wie zuverlässig das Fahrzeug im dichten Stadtverkehr, bei Regen oder Schnee und in unübersichtlichen Baustellen arbeitet, muss sich im realen Betrieb erst zeigen.
Was noch fehlt: Verträge und Level-4-Genehmigung
Der wichtigste Vorbehalt steht am Ende der Mitteilung: Der anfängliche Einsatz in Deutschland setzt endgültige Vereinbarungen zwischen den Unternehmen sowie eine behördliche Genehmigung für Level 4 in Deutschland voraus. Level 4 bedeutet, dass das Fahrzeug in einem definierten Gebiet und unter bestimmten Bedingungen vollständig selbst fährt, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.
Das ist keine Formsache: Jede Genehmigung hängt vom konkreten Einsatzgebiet, vom Fahrzeug und vom Sicherheitskonzept ab. Bis ein Robotaxi in München oder einer anderen Stadt zahlende Fahrgäste befördern darf, sind Tests, Nachweise und Abstimmungen mit den Behörden nötig. Ein Zeitplan für den ersten kommerziellen Einsatz wurde in der Mitteilung nicht genannt.
Was das für Fahrgäste und Städte bedeutet
Für Fahrgäste ändert sich im besten Fall wenig an der Buchung und viel an der Fahrt: kein Fahrer, dafür ein Fahrzeug, das auf Zuruf die Route anpasst. Für Städte stellt sich die Frage, wie autonome Flotten in den Verkehr und in bestehende Angebote passen. Die Ankündigung betont, dass MTZ in Abstimmung mit der Stadt entscheidet, wo die Flotte fährt. Das spricht für einen schrittweisen Start in einzelnen Gebieten.
Tensor-Gründer und CEO Jay Xiao sagte laut Mitteilung, autonomes Fahren werde die urbane Mobilität grundlegend verändern. Tensor entwickle die Technologie und das Partnerökosystem, die erforderlich seien, um sichere, hochwertige Robocar-Dienste in großem Maßstab anzubieten. Ob das gelingt, entscheidet sich auf deutschen Straßen und in den Genehmigungsverfahren.
Häufig gestellte Fragen
Was haben Tensor und MTZ genau vereinbart?
Die beiden Unternehmen haben am 27. Oktober 2026 eine Absichtserklärung unterzeichnet. Sie sieht vor, Tensor Robocars als autonome Taxis in Deutschland einzusetzen, zunächst bis zu 500 Fahrzeuge in deutschen Städten, betrieben von MTZ. Es handelt sich noch nicht um einen endgültigen Vertrag.
Wann können Fahrgäste in Deutschland mit einem autonomen Taxi fahren?
Einen konkreten Starttermin gibt es nicht. Vor dem Einsatz müssen endgültige Vereinbarungen geschlossen und eine behördliche Genehmigung für Level 4 in Deutschland erteilt werden. Erst danach kann ein kommerzieller Betrieb in einem definierten Gebiet beginnen.
Was ist das Besondere am Geschäftsmodell?
Das Taxiunternehmen behält die Kontrolle: MTZ betreibt den Dienst unter eigener Marke, behält Kundenbeziehungen und Daten, und entscheidet in Abstimmung mit der Stadt über den Einsatz. Tensor liefert Fahrzeuge und das autonome Fahren als Abonnement, genannt Autonomous Driving as a Service.
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