Berliner Start-up legt KI-Gedächtnis offen: Komplyt Zero will Claude und ChatGPT das Vergessen abgewöhnen
Wer täglich mit KI-Assistenten arbeitet, kennt das Problem: Jeder neue Chat fängt bei null an. Entscheidungen, die man gestern mit einem Assistenten getroffen hat, sind heute weg. Man erklärt denselben Zusammenhang wieder und wieder, und irgendwann fragt man sich, wozu man das alles überhaupt festgehalten hat. Genau an dieser Stelle setzt ein kleines Berliner Unternehmen an. Die Komplyzen GmbH hat am 22. Oktober 2026 den Kern ihres KI-Gedächtnisses Komplyt Zero als Open Core veröffentlicht. Die Engine soll Claude, ChatGPT und Cursor ein gemeinsames Gedächtnis geben, und sie lässt sich auf Wunsch komplett auf dem eigenen Rechner betreiben.
Was Komplyt Zero eigentlich macht
Im Kern ist Komplyt Zero ein Gedächtnis für KI-Agenten. Wer mit einem Assistenten arbeitet, trifft ständig kleine Entscheidungen: Warum wurde dieser Ansatz gewählt und nicht der andere? Welches Problem ist aufgetreten, und wie wurde es gelöst? Komplyt Zero hält genau diese Dinge fest, samt Begründung. Spätere Sitzungen finden sie wieder, auch dann, wenn man inzwischen ein anderes Werkzeug benutzt. Ein Entschluss, der in ChatGPT gefallen ist, kann also in Claude wieder auftauchen, ohne dass man ihn erneut erklären muss.
Vorgestellt hat das Team die Veröffentlichung auf der GenAI Berlin 2026, wo Komplyt Zero Finalist beim GenAI Berlin Award war. Der Quellcode des Kerns steht unter der Apache-2.0-Lizenz und lässt sich laut Unternehmen mit einem einzigen Befehl selbst betreiben. Wer nichts selbst betreiben will, nutzt den gehosteten Dienst. Der ist für eine Person kostenlos, die Datenhaltung liegt nach Angaben des Unternehmens in Frankfurt.
Warum Vektorsuche allein nicht reicht
Die meisten Gedächtnislösungen für KI-Agenten beruhen auf Vektorsuche. Sie finden Text, der der Frage ähnelt. Bei Fakten funktioniert das gut. Bei der Frage, warum etwas so entschieden wurde und was daran hängt, reicht es nach Ansicht von Komplyzen nicht, denn die Antwort sieht der Frage oft nicht ähnlich. Komplyt Zero verbindet deshalb Ähnlichkeit mit Verknüpfungen in einem Graphen und mit Zeit. Zusammengehöriges wird mitgeliefert, und Wissen, das niemand mehr nutzt, rückt nach hinten, ohne gelöscht zu werden.
Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Ein klassisches Gedächtnis antwortet auf die Frage, was gesagt wurde. Komplyt Zero will zusätzlich beantworten, warum es gesagt wurde und welche Folgen daran hängen. Für Teams, die über Wochen an einem Projekt arbeiten, kann das den Unterschied ausmachen zwischen einem Assistenten, der nur nachschlägt, und einem, der den Zusammenhang versteht.
Open Core ist nicht Open Source
Wer jetzt denkt, hier werde einfach alles verschenkt, sollte genauer hinsehen. Komplyzen beschreibt die Lizenzlage bewusst offen. Der Kern steht unter Apache 2.0 und ist damit frei nutzbar. Die Team-Funktionen sind source-available, frei für nicht-kommerzielle Nutzung unter der PolyForm-Noncommercial-Lizenz, mit kommerzieller Lizenz für alles andere. Die Datenbank SurrealDB steht unter der Business Source License. Das Projekt als Ganzes ist deshalb Open Core, nicht Open Source im Sinne der Open Source Initiative.
Dieses Modell ist in der Softwarewelt längst üblich. Der Kern ist offen und prüfbar, die Funktionen für Teams kosten Geld. Für einzelne Nutzerinnen und Nutzer bleibt der gehostete Dienst kostenlos. Für Unternehmen, die geregelten Zugriff, Löschung und Nachweis brauchen, gibt es die kostenpflichtigen Team-Funktionen. Mitgründer und Geschäftsführer Tilman Mürle formuliert es so: Wer mit KI-Assistenten arbeitet, erkläre jeden Tag dieselben Dinge neu. Das Gedächtnis dafür sollte man prüfen und selbst betreiben können. Geld verdiene man dort, wo es für Unternehmen schwierig werde, also bei geregeltem Zugriff im Team, bei der Anbindung für alle, die nie ein Terminal öffnen, bei Löschung und Nachweis.
Für wen sich das lohnt
Komplyt Zero richtet sich zuerst an Menschen, die regelmäßig mit mehreren KI-Werkzeugen arbeiten und dabei den Überblick behalten wollen. Entwicklerinnen und Entwickler, die zwischen ChatGPT, Claude und Cursor wechseln, gehören dazu. Auch kleine Teams, die ihr Fachwissen an KI-Systeme weitergeben wollen, ohne die Kontrolle darüber abzugeben, sind eine Zielgruppe. Die Komplyzen GmbH entwickelt daneben eine Plattform, auf der Unternehmen ihre Methodik als gesteuerte KI-Workflows ausführen können, und berät Softwarehersteller und Unternehmen zu EU AI Act und Cyber Resilience Act.
Gleichzeitig sollte man die Erwartungen realistisch halten. Ein Gedächtnis macht einen Assistenten nicht automatisch klüger. Es macht ihn nur weniger vergesslich. Schlechte Entscheidungen werden mit Gedächtnis genauso festgehalten wie gute, und wer seine Einträge nicht pflegt, sammelt mit der Zeit auch Ballast an. Die Funktion, dass ungenutztes Wissen nach hinten rückt, ohne gelöscht zu werden, hilft dagegen, ersetzt aber keine eigene Ordnung.
Was das für den deutschen KI-Standort bedeutet
Die Veröffentlichung passt in ein größeres Bild. Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der lebendigsten KI-Standorte Europas entwickelt, und gerade kleine, spezialisierte Werkzeuge aus Deutschland finden international Beachtung. Dass ein Berliner Start-up ein solches Projekt offenlegt, statt es hinter einer geschlossenen Plattform zu verstecken, ist ein Signal. Es zeigt, dass deutsche Anbieter beim Thema KI-Infrastruktur mitspielen wollen, und zwar mit einem Ansatz, der Prüfbarkeit und Selbstbetrieb in den Mittelpunkt stellt.
Ob sich Komplyt Zero durchsetzt, hängt nun davon ab, ob Entwicklerinnen und Entwickler den Kern tatsächlich nutzen und ob die versprochene Qualität des Gedächtnisses im Alltag hält, was die Ankündigung verspricht. Der Code ist ab sofort unter github.com/Komplyzen/komplyt-zero verfügbar, der gehostete Dienst ist unter kompl.yt/zero erreichbar und als Connector in Claude und ChatGPT nutzbar. Wer neugierig ist, kann es ohne Kosten ausprobieren und selbst beurteilen, ob das eigene KI-Gedächtnis endlich mitdenkt oder nur mitschreibt.
Frequently Asked Questions
Was ist Komplyt Zero?
Komplyt Zero ist eine Engine der Berliner Komplyzen GmbH, die KI-Assistenten wie Claude, ChatGPT und Cursor ein gemeinsames Gedächtnis gibt. Sie speichert Entscheidungen, Probleme und Lösungswege samt Begründung und macht sie in späteren Sitzungen wieder auffindbar, auch in einem anderen Werkzeug.
Ist Komplyt Zero kostenlos?
Der Kern ist unter der Apache-2.0-Lizenz frei nutzbar und selbst betreibbar. Der gehostete Dienst ist für eine Person kostenlos. Team-Funktionen sind source-available und für kommerzielle Nutzung kostenpflichtig.
Worin unterscheidet sich Komplyt Zero von anderen KI-Gedächtnissen?
Statt nur auf Vektorsuche zu setzen, verbindet Komplyt Zero Ähnlichkeit mit Verknüpfungen in einem Graphen und mit Zeit. So wird nicht nur gefunden, was der Frage ähnelt, sondern auch, was inhaltlich dazugehört und warum etwas entschieden wurde.



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