70 Prozent der Deutschen wollen KI auf dem Amt: Was die Bitkom-Umfrage für Behörden bedeutet
Wer schon einmal einen Antrag bei einer Behörde gestellt hat, kennt das Gefühl: Formulare, Wartezeiten, Nachfragen, und am Ende die Unsicherheit, ob alles angekommen ist. Eine neue Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt nun, dass eine klare Mehrheit der Menschen in Deutschland Künstliche Intelligenz in der Verwaltung nicht nur duldet, sondern ausdrücklich will. 70 Prozent wünschen sich, dass KI bei der Bearbeitung ihres Antrags eingesetzt wird. Im Vorjahr waren es noch 63 Prozent. Der Zuspruch wächst also deutlich.
Die Ergebnisse stellte Bitkom gemeinsam mit der Messe Berlin im Vorfeld der Smart Country Convention vor. Die Messe für die Digitalisierung des öffentlichen Sektors fand vom 13. bis 15. Oktober 2026 in Berlin statt, mit Portugal als Partnerland. Befragt wurden 1.004 Personen ab 18 Jahren, die Umfrage gilt als repräsentativ. Es geht also nicht um eine kleine Online-Abstimmung unter Technikfans, sondern um ein breites Stimmungsbild der Bevölkerung.
Was genau wollen die Bürger
Spannend wird es bei den Details, denn die Menschen haben genaue Vorstellungen davon, wie KI auf dem Amt arbeiten soll. Nur 12 Prozent würden Prüfung und Entscheidung vollständig einer KI überlassen. Das sind fast doppelt so viele wie 2025, als es 7 Prozent waren, aber es bleibt eine kleine Minderheit. Deutlich größer ist die Gruppe, die eine klare Arbeitsteilung will: 23 Prozent möchten, dass eine KI den Antrag prüft und ein Mensch die endgültige Entscheidung trifft. Weitere 35 Prozent drehen die Reihenfolge um: Ein Mensch prüft und entscheidet, danach kontrolliert eine KI die Entscheidung.
Zusammengenommen heißt das: Die große Mehrheit will KI als Unterstützung, nicht als Ersatz für den Menschen. Nur noch 26 Prozent sagen, dass ihr Antrag ganz ohne KI bearbeitet werden soll. Vor einem Jahr lag dieser Anteil noch bei 31 Prozent. Die Skepsis schrumpft, aber der Wunsch nach menschlicher Kontrolle bleibt stark. Für Behörden ist das eine wichtige Botschaft. Wer KI einführt, sollte von Anfang an erklären, wo der Mensch entscheidet und wo die Maschine nur hilft.
Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder formulierte es so: KI sei die digitale Schlüsseltechnologie der Zeit, und Verwaltungen könnten massiv davon profitieren. KI könne Anträge prüfen, Unterlagen auswerten und nicht nur einfache Routinefälle bearbeiten. Die Menschen, so Rohleder, wollen, dass die Verwaltung die Technologie nutzt. Die Frage sei deshalb nicht mehr, ob der Staat KI einsetzt, sondern wie er sie schneller und bürgerfreundlicher einsetzt.
Ein Staat, der von sich aus mitdenkt
Ein zweiter Befund geht noch weiter. 73 Prozent der Befragten wünschen sich eine Verwaltung, die von sich aus auf sie zukommt. Wenn einem Bürger eine Leistung zusteht, etwa Kindergeld oder Bafög, oder wenn der Ausweis bald abläuft, soll die Behörde das von sich aus melden. 30 Prozent wollen automatisch informiert werden, dass sie aktiv werden können. 32 Prozent wollen automatisch gefragt werden, ob sie die Leistung in Anspruch nehmen möchten, sodass sie nur noch bestätigen müssen. Und 11 Prozent fänden es sogar am besten, wenn die Behörde die Leistung gleich automatisch für sie beantragt. Nur 21 Prozent wollen nicht, dass Behörden von sich aus aktiv werden.
Das ist ein bemerkenswerter Wandel. Bisher mussten Bürger fast immer selbst herausfinden, welche Leistungen ihnen zustehen und welche Fristen gelten. Eine Verwaltung, die mitdenkt, dreht diese Logik um. Technisch ist das machbar, weil Behörden viele Daten bereits besitzen. Sie wissen, wann ein Ausweis abläuft und wem eine Leistung zusteht. Die Umfrage zeigt, dass die Menschen erwarten, dass dieses Wissen auch genutzt wird.
Gleichzeitig wollen die Bürger während eines laufenden Antrags den Überblick behalten. 85 Prozent möchten jederzeit online den aktuellen Stand und die voraussichtliche Bearbeitungszeit sehen können. Das klingt selbstverständlich, ist in der Praxis aber noch längst nicht überall Realität. Ein einfacher Status wie bei einer Paketsendung würde hier schon viel verändern. Auch der Datenaustausch zwischen Behörden ist ein Thema: 62 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Behörden untereinander mehr Daten austauschen, damit Bürger nicht immer wieder dieselben Angaben machen müssen.
Zufriedenheit steigt, aber das Tempo reicht nicht
Wie steht es um die Zufriedenheit mit den Behörden? Eine Mehrheit ist mit den Behörden zufrieden, mit denen sie in Kontakt tritt: 26 Prozent sind sehr zufrieden, 35 Prozent eher zufrieden. Auf der anderen Seite sind 18 Prozent eher unzufrieden und 17 Prozent sehr unzufrieden. Die Klagen über lange Bearbeitungszeiten gehen zurück, bleiben aber auf hohem Niveau: 74 Prozent sagen, Behörden brauchen zu lange, um ihre Anliegen zu bearbeiten. Im Vorjahr waren es noch 85 Prozent. Die Richtung stimmt also, aber von einem guten Stand ist man noch weit entfernt.
Ähnlich sieht es bei der Digitalisierung der eigenen Stadt oder Gemeinde aus. 53 Prozent halten ihre Kommune für digital fortgeschritten, 2025 waren es 50 Prozent. Doch die Einschätzungen an den Rändern driften auseinander. Ein Viertel sieht die eigene Kommune als sehr fortgeschritten, nach 18 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig halten 19 Prozent ihre Kommune für sehr rückständig, nach 16 Prozent im Vorjahr. Die Schere öffnet sich: Einige Kommunen kommen gut voran, andere fallen zurück.
Trotz aller Fortschritte reicht den Menschen das Tempo nicht. 91 Prozent wünschen sich, dass ihre Stadt- oder Gemeindeverwaltung die Digitalisierung mit mehr Nachdruck verfolgt. Das ist der höchste Wert seit 2019. 67 Prozent sagen, Deutschland müsse deutlich mehr Geld in die Digitalisierung der Verwaltung investieren. 66 Prozent wünschen sich, dass die Umsetzung der Digitalisierungsversprechen der Politik gemessen wird. Die Botschaft an die Politik ist klar: Versprechen allein genügen nicht, die Menschen wollen messbare Ergebnisse vor Ort.
Was Bürger sich vor Ort konkret wünschen
Die Umfrage fragte auch nach ganz konkreten digitalen Angeboten in der eigenen Stadt. 83 Prozent wünschen sich eine App, mit der sie Mängel im öffentlichen Raum melden können, etwa ein Schlagloch oder eine defekte Straßenlaterne. 79 Prozent wollen eine intelligente Straßenbeleuchtung. 72 Prozent wünschen sich Echtzeit-Informationen zu Bus und Bahn. 66 Prozent hätten gerne kostenloses öffentliches WLAN, 65 Prozent eine Echtzeit-Anzeige freier Parkplätze und 63 Prozent ein Online-Dashboard zu Umwelt- und Verkehrsdaten.
Diese Liste ist für Kommunen eine praktische Prioritätenliste. Sie zeigt, dass es nicht um spektakuläre Zukunftsvisionen geht, sondern um alltägliche Probleme: pünktliche Busse, freie Parkplätze, gemeldete Schäden, die auch behoben werden. KI und Digitalisierung sind für die meisten Menschen kein Selbstzweck. Sie sind dann gut, wenn sie den Alltag einfacher machen.
Was das für die Verwaltung bedeutet
Was folgt daraus für Behörden und Kommunen? Erstens: KI in der Verwaltung hat Rückhalt in der Bevölkerung, solange der Mensch die letzte Entscheidung behält oder zumindest kontrolliert. Wer ein System einführt, bei dem eine KI allein über Anträge entscheidet, wird auf Widerstand stoßen. Wer dagegen transparent zeigt, dass KI prüft, sortiert und vorschlägt, während Menschen entscheiden, hat die Mehrheit hinter sich.
Zweitens: Transparenz ist kein Zusatz, sondern ein Kernmerkmal. Bürger wollen den Stand ihres Antrags online sehen und eine voraussichtliche Bearbeitungszeit erfahren. Sie wollen nicht immer wieder dieselben Daten angeben. Und sie wollen von sich aus informiert werden, wenn ihnen eine Leistung zusteht.
Drittens: Das Tempo muss steigen, und zwar überall. Gute Lösungen, so Rohleder, müssen schneller in die Fläche gebracht werden. Keine Kommune müsse das digitale Rad neu erfinden. Das spricht für gemeinsame Standards, geteilte Software und den Austausch bewährter Lösungen zwischen Städten und Gemeinden.
Die Smart Country Convention selbst zeigte, wie groß das Interesse ist: Mehr als 23.000 Teilnehmende, über 600 Aussteller und mehr als 850 Referentinnen und Referenten kamen in Berlin zusammen. Und 75 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass Deutschland bei der Digitalisierung von Städten und Regionen noch viel vom Ausland lernen kann. Am Ende bleibt ein einfaches Bild: Die Menschen haben keine Angst vor KI auf dem Amt. Sie haben Angst vor einem Amt, das langsam, undurchsichtig und schwer erreichbar bleibt. KI kann helfen, das zu ändern, wenn sie als Werkzeug für Menschen eingesetzt wird und nicht als Ersatz für sie.
Frequently Asked Questions
Was hat die Bitkom-Umfrage genau ergeben?
Laut Bitkom wünschen sich 70 Prozent der Deutschen, dass KI bei der Bearbeitung ihres Antrags eingesetzt wird, nach 63 Prozent im Vorjahr. Nur 12 Prozent würden Prüfung und Entscheidung vollständig einer KI überlassen. Die meisten wollen eine Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. Befragt wurden 1.004 Personen ab 18 Jahren.
Darf eine KI allein über meinen Antrag entscheiden?
Die Umfrage zeigt, dass nur eine kleine Minderheit das will. In der Praxis hängt es vom jeweiligen Verfahren und den rechtlichen Vorgaben ab. Grundsätzlich gilt: Bei wichtigen Entscheidungen sollte ein Mensch die letzte Kontrolle behalten. Bürger sollten bei ihrem Amt nachfragen, wie ein Verfahren konkret abläuft und wo Menschen entscheiden.
Was ist die Smart Country Convention?
Die Smart Country Convention ist Deutschlands führende Veranstaltung für die Digitalisierung des öffentlichen Sektors. 2026 fand sie vom 13. bis 15. Oktober in Berlin statt, mit mehr als 23.000 Teilnehmenden, über 600 Ausstellern und mehr als 850 Referentinnen und Referenten. Partnerland 2026 war Portugal.

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