Hochtief will Europas größtes KI-Rechenzentrum bauen: Gigafactory-Bewerbung mit Vodafone geplant
Der Essener Baukonzern Hochtief will offenbar ganz groß ins Geschäft mit künstlicher Intelligenz einsteigen. Wie das Handelsblatt unter Berufung auf mehrere mit den Plänen vertraute Personen berichtet, bereitet das Unternehmen eine eigene Bewerbung für eine der von der Europäischen Union geförderten KI-Gigafactories vor. Dafür verhandelt Hochtief demnach bereits mit potenziellen Partnern, darunter dem Telekommunikationsanbieter Vodafone. Sollte die Bewerbung Erfolg haben, könnte in Deutschland eine der leistungsstärksten KI-Rechenanlagen Europas entstehen.
Was Hochtief laut Bericht genau plant
Nach den Informationen des Handelsblatts zielt Hochtief auf eine der besonders großen Anlagen im EU-Förderprogramm. Die Rede ist von Rechenzentren mit mindestens 100.000 Spezialprozessoren, für die Fördermittel von bis zu einer Milliarde Euro fließen können. Hochtief prüft derzeit verschiedene Standorte für das geplante Rechenzentrum und führt Gespräche mit Partnern aus der Technologie- und Telekommunikationsbranche. Vodafone wird dabei ausdrücklich als Verhandlungspartner genannt, auch wenn beide Unternehmen die Informationen auf Anfrage der Zeitung nicht kommentieren wollten.
Auffällig ist das Timing. Bewerbungen für die EU-geförderten KI-Gigafactories sind noch bis zum 3. Dezember möglich. Die Vorbereitungen laufen also unter Zeitdruck, denn eine überzeugende Bewerbung für ein Milliardenprojekt erfordert nicht nur einen Standort und Partner, sondern auch ein schlüssiges Betriebs- und Finanzierungskonzept.
Die Überraschung: Konkurrenz aus dem eigenen Haus
Besonders pikant an der Geschichte ist, dass Hochtief offenbar nicht der einzige Bieter aus der eigenen Unternehmensfamilie ist. Wie das Handelsblatt weiter berichtet, bemüht sich auch die spanische Hochtief-Muttergesellschaft ACS um eine Gigafactory. ACS plant demnach eine Bewerbung gemeinsam mit Telefónica und der Bank Santander.
Obwohl ACS und Hochtief rechtlich eigenständige Unternehmen sind, müssen ihre Angebote laut Ausschreibungsbedingungen vollständig unabhängig voneinander ausgearbeitet und eingereicht werden. Das heißt: Mutter und Tochter treten als Konkurrenten um dieselbe Förderung an. Für beide Projekte gelten die gleichen Ziele, Anlagen mit mindestens 100.000 Spezialprozessoren und Fördergeldern von bis zu einer Milliarde Euro pro Projekt.
Worum es bei dem EU-Programm geht
Die Europäische Union will den Aufbau von bis zu sieben besonders leistungsfähigen KI-Rechenzentren mit öffentlichen Mitteln von insgesamt bis zu zehn Milliarden Euro unterstützen. Die Anlagen sollen europäischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen Zugang zu großen Rechenkapazitäten verschaffen und so Europas Rückstand bei der KI-Infrastruktur verringern.
Das Ziel ist ehrgeizig. Während Unternehmen in den USA und China riesige Rechenzentren für das Training und den Betrieb von KI-Modellen bauen, fehlt es in Europa bislang an vergleichbaren Kapazitäten. Europäische Forschungseinrichtungen und Firmen sind daher oft auf Rechenzeit in amerikanischen Clouds angewiesen. Die Gigafactories sollen das ändern und Europa unabhängiger machen, ein Gedanke, der in Brüssel unter dem Stichwort technologische Souveränität diskutiert wird.
Warum ausgerechnet ein Baukonzern?
Auf den ersten Blick wirkt ein Bauunternehmen als Betreiber eines KI-Rechenzentrums ungewöhnlich. Doch Hochtief ist in diesem Feld kein Neuling. Der Konzern hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Erfahrung mit der Entwicklung und dem Bau von Rechenzentren gesammelt und nach eigenen Angaben Projekte mit einer Leistung von rund sechs Gigawatt umgesetzt. Dabei geht es um die gesamte Lebensdauer solcher Anlagen, von der Planung über die Finanzierung und den Bau bis zum Betrieb und nachhaltigen Energiekonzepten.
Bereits im Juni 2025 hatten Hochtief und der Cloud-Anbieter Ionos gemeinsam eine Interessensbekundung bei der Europäischen Kommission eingereicht. Das damals skizzierte Projekt sah zunächst mehr als 50.000 Grafikprozessoren vor, mit der Möglichkeit, auf über 100.000 zu skalieren. Ein Betriebsstart wurde für 2027 angepeilt. Die jetzige Bewerbung mit Vodafone als Partner wäre demnach die konsequente Weiterentwicklung dieser Pläne, nun aber offenbar in einer eigenen, von Hochtief geführten Konstellation.
Der Hintergrund ist einleuchtend. Moderne KI-Rechenzentren sind nicht einfach nur große Serverhallen. Sie brauchen enorme Strommengen, ausgeklügelte Kühlsysteme und eine Anbindung an leistungsstarke Netze. Genau hier treffen sich Bau-Know-how und Telekommunikation: Hochtief bringt die Erfahrung mit Großprojekten und Infrastruktur, Vodafone die Netze und die Erfahrung mit dem Betrieb digitaler Dienste.
Was das für Deutschland bedeuten könnte
Sollte Hochtief mit seiner Bewerbung Erfolg haben, wäre das ein starkes Signal für den KI-Standort Deutschland. Erst in dieser Woche hatten Bundeskanzler Friedrich Merz und Nvidia-Chef Jensen Huang in Berlin eine Partnerschaft für industrielle KI vereinbart, die Bundesregierung will dreistellige Millionenbeträge in Rechenkapazitäten investieren. Eine EU-geförderte Gigafactory auf deutschem Boden würde diese Bemühungen ergänzen und Deutschland einen festen Platz in der europäischen KI-Infrastruktur sichern.
Gleichzeitig sind die Herausforderungen nicht zu unterschätzen. KI-Rechenzentren dieser Größenordnung verschlingen gigantische Strommengen, und die Energiepreise in Deutschland gehören zu den höchsten in Europa. Auch die Frage, ob die gebauten Kapazitäten am Ende wirklich ausgelastet sein werden, wird in der Branche diskutiert. Kritiker warnen, dass heute für Milliarden errichtete Rechenzentren morgen möglicherweise nicht die erhofften Erträge bringen, sollte sich das Tempo des KI-Booms verlangsamen.
Hochtief selbst hat sich zu den Berichten bislang nicht geäußert. Weder der Konzern noch Vodafone wollten die Informationen des Handelsblatts kommentieren. Bis zum Bewerbungsschluss am 3. Dezember bleibt also offen, wie konkret die Pläne wirklich sind und welche Partner am Ende tatsächlich an Bord sind. Sicher ist nur: Der Wettlauf um Europas KI-Rechenzentren hat begonnen, und deutsche Unternehmen wollen dabei ganz vorne mitspielen.
Frequently Asked Questions
Was ist eine KI-Gigafactory?
Eine KI-Gigafactory ist ein besonders großes, von der EU gefördertes Rechenzentrum für künstliche Intelligenz. Die geplanten Anlagen sollen jeweils mindestens 100.000 Spezialprozessoren umfassen und europäischen Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen Rechenkapazitäten für das Training und den Betrieb von KI-Modellen bereitstellen. Die EU will bis zu sieben solcher Anlagen mit insgesamt bis zu zehn Milliarden Euro fördern.
Warum bewirbt sich Hochtief gemeinsam mit Vodafone?
Laut Bericht des Handelsblatts verhandelt Hochtief mit Vodafone als potenziellem Partner für seine Gigafactory-Bewerbung. Die Kombination liegt nahe: Hochtief bringt Erfahrung mit dem Bau und Betrieb großer Rechenzentren mit, Vodafone steuert Telekommunikationsnetze und digitale Infrastruktur bei. Beide Unternehmen haben die Berichte bislang nicht kommentiert.
Bis wann müssen Bewerbungen für die EU-KI-Gigafactories eingereicht werden?
Bewerbungen für die von der EU geförderten KI-Gigafactories sind noch bis zum 3. Dezember möglich. Die Europäische Union will bis zu sieben besonders leistungsfähige KI-Rechenzentren fördern, für einzelne Projekte können Fördermittel von bis zu einer Milliarde Euro fließen.



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